Stefan Glowacz verfügt darüber ganz offensichtlich. Denn für einen der weltweit bekanntesten Alpinisten, der kürzlich seinen 50. Geburtstag feierte, war dieses ganz spezielle Gefühl in den Fingern viele Jahre lang überlebensnotwendig.

Seit den 1980ern gehört er zur Weltspitze des Klettersports, und bereits mit Mitte zwanzig hatte der gelernte Werkzeugmacher eigentlich alles erreicht: Sieger des inoffiziellen Demonstrationswettkampfes der Olympischen Spiele in Albertville, Vizeweltmeister und dreimaliger Rockmaster in Arco am Gardasee, dem Wimbledon des Freikletterns. Gleichzeitig war er Star und Aushängeschild der hippen Kletterszene. Kurz: ein Draufgänger, der mutig und manchmal übermütig war.

Schon seine Eltern hatten ihn in seiner Heimat Garmisch-Partenkirchen früh mit in die Berge genommen. „Ich bin ja schon als Kind jeden Felsblock hoch, wenn ich mit den Eltern beim Wandern war“, sagt Glowacz. Allerdings wurden die Felsen später steiler und die Umgebung immer unwirtlicher. Gleich blieb dagegen stets die Motivation: immer aufwärts in die Herausforderung. Sie trieb den Allround-Kletterer an die entlegensten Orte der Erde.

Zu jedem Helden gehört jedoch auch der Misserfolg. Eine Verletzung am Knöchel lehrte Glowacz schmerzhaft jene Kehrseite, die gute Sportler erst vervollständigt: dass zu jedem Hoch auch ein Tief gehört. Er kämpfte sich aus dem Tal zurück, beendete 1993 seine Wettkampfkarriere – und startete eine neue.

Glowacz klettert zwar immer noch. Aber nicht mehr gegen die Konkurrenz, sondern gegen den Sturm, den Regen und den Schnee. Er ist jetzt Expeditionskletterer – per Jeep durch die namibische Halbwüste, auf Skiern über die Eisfelder Patagoniens oder im Kanu durch die Flüsse des venezolanischen Dschungels. Seine Routen führen ihn dorthin, wo Lebenserfahrung, Ausdauer und Übersicht genauso viel zählen wie Schnellkraft und jugendlicher Elan.

Längst gibt er diese Erfahrung über das Vorwärtskommen weiter. Seine kostspieligen Expeditionen finanziert er sich als Vortragsredner für Führungskräfte der internationalen Wirtschaft oder durch Kooperationen mit Ausrüsterfirmen wie zum Beispiel Marmot. Außerdem ist er Inhaber des Kletterausrüstungsherstellers Red Chili, schreibt Bücher, gibt das Magazin All Mountain heraus und macht Kinofilme.

Zwischendurch sucht er nach wie vor die Einsamkeit in der Wildnis. Heute weiß er jedoch, dass er zurückkommen muss, weil jemand auf ihn wartet – seine Frau samt Kindern. Stefan Glowacz führt also inzwischen zwei Leben. Ein gefährliches und ein behütetes. Er braucht beide.