Wie kamen Sie dazu, Abenteurer und Polarforscher zu werden?

Das hat die Faszination der Natur bewirkt. Ich bin in der Natur groß geworden, hatte immer Spaß an Natursportarten, Spaß am Leben draußen. Hinzu kam, dass ich als Kind und Jugendlicher immer gern über Expeditionen, Seereisen und Polarforscher gelesen habe. So sind in meiner Kindheit bereits die Weichen dazu gestellt worden.

Fast jeder Junge träumt davon, ein Abenteurer zu werden, wenn er groß ist. Wie haben Sie diesen Traum in die Tat umgesetzt?

Ich bin einfach konsequent dabei geblieben und wollte meine Träume, die ich als Heranwachsender hatte, nicht ad acta legen. Ich habe das Abenteurersein aber nie mit einer Aussteigermentalität verbunden, sondern ich wollte ein normales Leben führen, Geld zur Seite legen und dadurch meine eigenen Reisen durchführen, um mich intensiv mit der Natur und ihren Landschaften auseinanderzusetzen. Und das eben nicht als Tourist, in klimatisierten Räumen, sondern in aller Ursprünglichkeit – mit Skiern, Hunden, Paddelbooten, Segelbooten und zu Fuß.

„Abenteuer die Bereitschaft im Kopf aufzubrechen, nicht die Suche nach Risiken und Gefahren.“


Was verstehen Sie unter dem Begriff „Abenteuer“?

Für mich bedeutet Abenteuer die Bereitschaft im Kopf aufzubrechen, nicht die Suche nach Risiken und Gefahren. Für mich spielte auch immer der sportliche Reiz eine Rolle, die Auseinandersetzung mit der Natur, den Nordpol und Südpol zu erreichen – im Winter Kap Hoorn mit dem Kajak zu umrunden.

Das war Extremsport, den ich damals betrieben habe. Im Laufe der Jahre ist das Interesse daran, Rekorde aufzustellen, gesunken, man hatte das Handwerkszeug gelernt und dann kam der Wunsch, tiefer in die Materie einzusteigen.

Mich haben dann Dinge interessiert wie die Polarhistorie, die Bevölkerung im arktischen Raum und Umweltschutz. Im Rahmen all dieser Expeditionen wird man zu einem sehr guten Beobachter und nimmt Nuancen und Veränderungen in der Natur wahr. Heute sehe ich mich auch als Zeitzeuge in der Pflicht, auf diese Thematiken hinzuweisen und nicht einfach nur zurückzukommen und spannende Geschichten zu erzählen und tolle Bilder zu zeigen.

Wie machen Sie darauf aufmerksam?

Ich versuche, mit Menschen in Dialog zu treten, veröffentliche Publikationen und halte Vorträge. Besonders die Jugendarbeit liegt mir am Herzen. Vor acht Jahren haben wir ein internationales Jugendprojekt ins Leben gerufen, was sich „Ice Climate Education“ nennt. Durch einen Umweltwettbewerb laden wir junge Menschen aus verschiedenen Nationen ein, sich zu qualifizieren, um an einem Camp mitzuwirken. Dort wird ihnen theoretisch und praktisch viel vermittelt.

Kommen wir zurück zu den entlegenen Orten, an denen Sie waren. Was sind die besonderen Herausforderungen beispielsweise in Grönland oder der Antarktis?

Wenn man reist, wie ich reise, dann hat man kein Netz und doppelten Boden, nicht die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Doch genau das ist auch das Charakteristikum einer solchen Expedition.

All das, was einen hier, im normalen Leben, umgibt, lässt man zurück und stellt sich diesen besonderen Landschaften und Gegebenheiten vor Ort. Und es ist eben ein Riesenunterschied, ob ich aus der klimatisierten Kabine eines Kreuzfahrtschiffes heraus die Landschaften wie in einem Panoramafilm vorbeifahren lasse oder ob ich bei minus 30 Grad draußen stehe und mich dort behaupten muss, mit Zelt, mit Segelboot, mit Kajak, mit Hundeschlitten oder was auch immer man einsetzt.

Beim unmittelbaren Erfahren dieser Landschaften muss man auch ihre Spielregeln kennen. Nur so kann man bestehen und überleben. Das ist natürlich ein ungeheurer Reiz, wenn man sich plötzlich mit bescheidensten Mitteln in dieser harschen Umgebung bewegen kann und dort lebt, in aller Selbstverständlichkeit. Das öffnet dann auch wirklich den Blick für die Grandiosität dieser Landschaften. Und genau aus diesem Grund mache ich solche Reisen, nicht weil ich gerne friere, sondern weil ich diese Orte so sehr liebe.

Was wird vor Ort wichtig, was weniger wichtig? Was tritt in den Hintergrund?

Expeditionen sind gelebter Minimalismus. Wenn man dort unterwegs ist, schüttet man all den Ballast, der einen sonst umgibt und im Alltag scheinbar wichtig ist, einfach ab. Dort ist eine heiße Tasse Tee plötzlich wichtig oder dass man abends sein Zelt, einen warmen Schlafsack und etwas zu essen hat.

Es sind die ganz essenziellen Dinge des Lebens, die notwendig sind, um an diesen Orten zu bestehen, und darüber freut man sich. Damit ist man zufrieden und glücklich, man hat nicht plötzlich das Bedürfnis, ein Vier-Gänge-Menü zu sich nehmen zu müssen oder das neueste Computermodell zu benötigen. Wenn man mal eine Zeit lang Verzicht geübt hat, dann weiß man auch um die Wertigkeit anderer Dinge, die in unserem Leben immer so selbstverständlich sind.

Wie wichtig ist die Vorbereitung und Ausrüstung in solchen Reiseländern?

Extrem wichtig, besonders die Vorbereitung. Dabei geht es nicht nur um körperliche Fitness, sondern auch die mentale Vorbereitung spielt eine entscheidende Rolle. Man darf sich die Ziele nicht zu hoch stecken, da man dann immer am persönlichen Limit agiert und auch ausbrennt, was gefährlich werden kann, und auch der Spaß bleibt auf der Strecke. Man muss mit seinen Aufgaben wachsen und sich seine Ziele so setzen, dass man eine faire Chance hat, diese auch zu erreichen – der Weg ist das Ziel.

Haben Sie ein persönliches Erlebnis, was Sie besonders beeindruckt hat?

Es gibt sehr viele davon. Ich habe Zehntausende von Pinguinen an einer Stelle gesehen, ein Eisbär hat mir mal das Zelt gemopst, als ich darin lag. Doch schlussendlich ist es eine Zusammenfassung ganz vieler einzelner Eindrücke und Erlebnisse. Das macht für mich die Wertigkeit dieser Expeditionen aus. Jedes Jahr, jedes Projekt ist so ein Kaleidoskop von vielen bunten Bildern, die auch ein Leben lang bleiben, und die Farben verblassen auch nicht.

Was sollte seinerseits jeder Leser mal gesehen haben, um diesen besonderen Eindruck von der Welt zu bekommen, jenseits vom Massentourismus?

Ich finde, jeder sollte sich einmal der Natur stellen. Dafür braucht man nicht zum Nordpol reisen oder nach Grönland fahren. Dafür kann er auch in den Stadtpark gehen oder durch die Lüneburger Heide wandern. Es geht vielmehr um das Erfahren der Natur – ohne Stöpsel im Ohr oder ständiges Handyklingeln. Draußen sein und die Natur auf sich wirken lassen, den Wechsel der Jahreszeiten, die Geräusche, den Wandel – das ist es, was zählt. Die Wahrnehmung dessen, was in der Natur wirklich passiert.

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