Großstädter und Städtereisende kennen das Bild seit einigen Jahren: vor dem Bahnhof, am Kino, gerne auch quer über den Bürgersteig tauchen über Nacht reihenweise baugleiche – und gern merkwürdig futuristisch anmutende – Fahrräder auf. Und als hätten sie sich alleine oder zu dritt nicht getraut, kommen sie gleich mindestens im Dutzend. Menschliche Begleiter, die etwas dazu sagen, die Interessierten irgendein Geschäftsmodell erklären, die einfach nur nett sind und vielleicht Infoflyer verteilen? Fehlanzeige. Dazu kommt, dass die meisten Fahrräder dieser Spezies erkennbar nicht von irgendeiner bekannten, umweltschützenden Fahrradfirma bereitgestellt wurden – oder vom Bürgermeister und dem Amt für nachhaltige Städteplanung.

Von welchem Planeten kommen diese ganzen Fahrräder?

Weit gefehlt – die meisten dieser Bikes scheinen von irgendwelchen internationalen Unternehmen zu kommen. Oft ist der „Sponsor“ entweder gar nicht erkenntlich – oder er trägt einen abstrakten, unbekannten Namen. Kurzum: Auf den ersten Eindruck hat die Idee vom öffentlichen Bikesharing ihre Chance flächendeckend leider vertan. Wer denkt angesichts einer Reihe eng zusammengedrängter „Aluräder aus dem All“ an moderne Mobilität oder weniger Smog in den Städten? Der erste Eindruck ist eher: hier will irgendeine Riesenfirma Geld machen oder Kundendaten generieren.

Je nach Kiez gibt’s für die fremden „Bike-Gangs“ auch schon mal „eine drauf“

Kein Wunder, dass der Unmut mehr oder weniger allseits groß ist. Gehwege blockieren die Dinger überall, klassische Fahrradfahrer finden keinen Abstellplatz – und wer eigentlich ein Fahrrad leihen wollte, hat keine Lust, mit so einem herumzufahren. Niemand wundert sich, wenn ab und zu mal einer der „Eindringlinge“ verbogen in der Ecke liegt. 

Die Idee der geteilten Mobilität ist nach wie vor gut, richtig, zukunftsweisend – aber die „Weiter-Entwickler“, die die Überschwemmung der Öffentlichkeit mit ihren Flotten zu verantworten haben, scheinen ein paar ganz entscheidende Dinge nicht verstanden zu haben. Erstens: das Radfahren selbst. Mit dem Fahrrad zu fahren, ist mehr, als von A nach B zu gelangen. Nicht umsonst laufen die Geschäfte „traditioneller“ Fahrradverleiher mit qualitativ hochwertigen Lasten- oder Retro-Hollandrädern blendend. Das Auge, das Sozialbewusstsein – und nicht zuletzt der Hintern – fahren mit. Und zweitens: das seltsam anonyme und massenhafte Auftreten hässlicher Massenprodukte sendet marketingtechnisch das Gegenteil der Botschaft, die die ganze Idee des Bikesharing im Kern ausmacht. Wer auf so einem „Ding“ rumfährt, unterstützt nicht – oder jedenfalls nicht nur – eine „bessere Welt“, sondern im Zweifel erst einmal irgendwelche anonymen Unternehmen. Die Lösung liegt nicht nur auf der Hand, sie wird schon extrem erfolgreich vorgemacht: die „Airbnbisierung“.

Onlineplattformen wie listnride.de werden von Radfahrfans in Berlin, München, Amsterdam, Wien oder auf Mallorca und Lanzarote rund um das organisiert, worauf es ankommt: In jeder Stadt und Urlaubsregion unkompliziert ein cooles und gutes Bike einfach nutzen zu können. Am besten ein Bike von anderen „Veloisten“; jedenfalls das passende Rad für den gewünschten Zweck. Das Konzept setzt auf individuelle Räder, persönliche Übergabe und den Austausch Gleichgesinnter. Wer ein Rad unbenutzt im Keller hat, kann es einfach online versichert anbieten. Nicht eins von Zehntausenden baugleichen Modellen, die keinen guten Mehrwert haben – und einfach in keiner Hinsicht Spaß machen.