Die Zeit, in der unser Motorrad mehr oder weniger komfortabel in der Garage oder aus Ermangelung einer geeigneten Unterstellmöglichkeit, unter einer Plastiktüte vor der Tür verbringt. Die vielen Wochen, in denen wir uns einen Stehplatten eingehandelt haben, weil das gesamte Gewicht der Maschine auf zwei Briefmarken-große Flächen der Reifen drückt.

Die Minusgrade, die unseren Batterien den letzten Saft aus den Zellen ziehen, bis die Tiefenentladung dem Akku endgültig das Licht ausbläst. In den zurückliegenden Monaten haben wir uns mühsam in den sozialen Netzwerken wie ein Trockenschwimmer über Wasser gehalten. Wir haben über Warnwestenfahrer geschimpft oder deren auffälliges Accessoire  verteidigt.

Wir haben Ursachenforschung betrieben, warum BMW- und Harley Fahrer nie zurückgrüßen und dabei die wildesten Theorien aufgestellt. Wir haben uns über Videoschnipsel amüsiert, in denen übereifrigen Piloten ihre Maschinen um die Ohren geflogen sind.  Und zuletzt haben wir über das Für und Wider von Sicherheitskleidung diskutiert und das ein oder andere Motorrad-Bild geliked oder sogar geshared.

Winterzeit ist für den Motorradfahrer ein bisschen wie „Handbetrieb“ – mit doppelter Dramatik. Zum einen ist es halt „Handbetrieb“ und zum anderen steht die Angebetete in der Garage und wir können sie dennoch nicht reiten.

Aber das alles ist nun Geschichte.  Ab März dürfen auch die meisten „Strich-Fahrer“ – also Fahrer mit Saisonkennzeichen - wieder auf die Straße und so wird es an den ersten sonnigen und halbwegs warmen Wochenenden recht voll auf den kurvenreichen Straßen. Wir winken uns schon aus der Ferne übereifrig zu. Wir verhalten uns wie Kinder. Sogar die BMW und Harley Fahrer bekommen es hin, eine Hand vom Lenker zu lösen. Doch deren Begeisterung ist spätestens im April schon wieder dahin und sie verfallen in ihre gewohnten Handlungsmuster.

Denn jetzt kann uns nichts mehr bremsen. Wir beginnen wieder zu leben.

Wir spüren das Vibrieren zwischen den Schenkeln. Wir pumpen die kalte Luft tief in unsere Lungen. Der eisige Wind zerrt an uns, während wir unsere Fahrwerke in den Kratern ruinieren, die der Frost auf den Straßen hinterlassen hat. Sei´s drum. Was jetzt für uns zählt ist warmer, schwarzer Asphalt und jede Kurve.

Für uns gilt es nun Strecke zu machen und das Gefühl für die Maschine zurückzugewinnen, das uns über die vielen Wochen zweifellos abhanden gekommen ist.  Recht ungelenk kommt der ein oder andere Pilot daher und so verwundert es auch nicht, dass die ersten warmen Tage verstärkt ihren Tribut in Form von demolierten PS Boliden und geschundenen Knochen zollen.

Würde man jedoch einen von uns mit Unfallstatistiken behelligen – man würde nicht mehr als ein müdes Lächeln ernten. Denn jetzt kann uns nichts mehr bremsen. Wir beginnen wieder zu leben.

Draußen gehört wieder uns!