Dieses Interview wurde auf Englisch geführt. Die englische Version finden Sie hier.

 

Herr De Le Rue, einige von uns normalen Leuten können Ihre Videos kaum anschauen. Extrem steile Hänge, extrem schnelles Tempo. Warum muss es denn immer so extrem sein?

Ich denke, ein Teil davon ist ein häufiges Missverständnis. Wenn Sie nicht viel über Snowboarden wissen und dann so einen dreiminütigen Zusammenschnitt ansehen, werden Sie wahrscheinlich denken, dass wir einfach nur verrückt sind. Aber natürlich steckt viel dahinter, viel Erfahrung, viel Vorbereitung. Ich kann das alles erklären! (lacht)

Bitte, erklären Sie!

Vielleicht ist es schwer zu verstehen, aber das allgemeine Sicherheitsbewusstsein wird mit der Zeit tatsächlich immer größer. Ich habe mein ganzes Leben lang an meiner Technik gearbeitet, habe so viele Wettbewerbe mitgemacht, war tausende Male in der Bergen - wenn ich jetzt draußen im Schnee bin, fühle ich mich fast besser, je schneller ich fahre. Je schneller ich bin, umso aufmerksamer bin ich, umso mehr „in control“ bin ich, umso stärker bin ich auch emotional involviert. Je mehr Leidenschaft du einsetzt, umso mehr konzentrierst du dich.

Kann man nach fast 30 Jahren Extremsport überhaupt noch eine langweilige, familienfreundliche Sonntagsabfahrt genießen?

(lacht) Wer meine Videos sieht, denkt vielleicht, dass ich die ganze Zeit nur irgendwelche Berge runterstürze, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Klar: „when it’s on, it’s on!“ - aber im Grunde geht es vielmehr darum, in der Natur zu sein, mit Freunden zu sein. Die „Performance“ macht insgesamt nur einen kleinen Teil aus: Sie sehen nur drei Minuten, aber wir waren drei Tage unterwegs. Also ja, ich genieße einen schönen, friedlichen Sonntag mit meiner Tochter und meiner Frau, wenn wir einfach im Schnee rumkurven. Außerdem verspüre ich, je älter ich werde, immer weniger das Bedürfnis, etwas zu beweisen, wenn ich mich auf mein Snowboard stelle.

In den längeren Videos sieht man auch viel von der Vorbereitung. Die Locations sind oft so abgelegen, dass die Anreise manchmal abenteuerlicher zu sein scheint als die eigentliche Abfahrt.

Das ist wirklich ziemlich oft der Fall, die Geschichte hinter den meisten dieser Abfahrten ist oft das eigentliche Abenteuer. Wenn du den Punkt erreichst, an dem du dich aufs Board stellst, ist die meiste „Arbeit“ erledigt. Wenn du losfährst, dann nur, weil die Bedingungen sicher sind, weil du alle Vorbereitungen getroffen hast, alle Risiken berechnet - alles ist aufeinander abgestimmt. Das Fahren selbst ist in diesem Sinne wirklich nicht der größte Job. Es geht nur um die Vorbereitung.

Das gibt wahrscheinlich sogar noch einen Extra-Kick, dann endlich loszulegen!

Nun, du musst immer noch konzentriert sein, du bist in einer extremen Umgebung, du bist weit weg von allem, du bist in großer Höhe. Dinge können schief gehen, also ist es wichtig, vernünftig zu sein. Aber natürlich ist es ein super Gefühl, wenn alles passt und es losgeht.

Wenn man an Snowboarden denkt, denkt man an schöne Landschaften, strahlend blauen Himmel, perfekten Schnee und jede Menge Spaß. Spielen Sicherheitsbedenken überhaupt eine Rolle, wenn man mit dem Snowboarden anfängt?

Es hängt wirklich davon ab, was du machen willst und wo du fahren willst. Für Kinder im Urlaub ist es einfach nur Spaß und Herumtollen, und das ist gut. Wenn Sie in die Berge gehen wollen, wird der Lehrer auf jeden Fall auch über Sicherheit sprechen. Aber ich denke, am Anfang geht es eher um einige allgemeingültige Regeln - es geht darum, sich der Umgebung bewusst zu sein, auf Details zu achten, viel gesunden Menschenverstand und grundsätzlich ein großes Sicherheitsbewusstsein zu haben.

Wenn du noch nichts weißt, ist dein Radius sehr klein – einfach, weil alles potentiell gefährlich ist. Und um ehrlich zu sein: die Schönheit, von der Sie sprechen, ist eine der größten Gefahren! Alles sieht so ruhig aus, so makellos, und wenn du neu bist, ist die Natur, der Berg, der Schnee sehr schwer zu lesen. Alles kann sich im Bruchteil einer Sekunde verändern - und den Berg vom Paradies in eine Hölle verwandeln. Ich glaube, dass das für Leute ohne Erfahrung am schwierigsten zu begreifen ist. „Die Sonne scheint, der Schnee ist toll, was ist das Problem?“ Das Problem ist, dass man die eventuellen Probleme so schwer erkennen kann.

Also, was ist dein Tipp für Anfänger?

Demut. In erster Linie musst du demütig sein, immer mit erfahrenen Leuten zusammen sein, sie immer nach allem fragen, schauen, wie sie Dinge tun – einfach kleine Schritte machen, weißt du? Das ist wichtig! Durch den Tourismus werden immer mehr Orte immer leichter zugänglich, und man kann sich leicht sehr sicher fühlen, mit den vielen Menschen und der ganzen Infrastruktur - aber es ist immer noch der Berg, und es ist immer noch die Natur.

Das ist etwas, was ich wirklich versuche, in meinen Videos zu zeigen: Es ist nicht alles nur Sonnenschein und Spaß. Es ist wunderschön, aber man ist trotzdem in der Wildnis, das ist etwas, an das du dich jeden Tag erinnern musst.

Du bist nicht nur berühmt dafür, ein großartiger Athlet zu sein, sondern auch dafür, eine großartige Lawine überlebt zu haben. Hat sich deine Einstellung zum Snowboarden nach dem Unfall verändert?

Oh ja, sicher, ich hab mich sehr verändert! Meine erste Reaktion war, dass ich mit dem ganzen Zeug komplett aufhören wollte, weil es einfach zu gefährlich ist, einfach unberechenbar. Ich hab sechs Monate gebraucht, um überhaupt zu sehen, wie ich weitermachen könnte; wie ich rangehen müsste, damit solche Dinge nicht mehr passieren würden. Im Grunde habe ich es von allen Seiten betrachtet, bis ich – vor allem als Vater - ehrlich sagen konnte: "Okay, ich habe diese ganze Zeit nicht einfach nur mit meinem Leben gespielt!"

Klar, ich habe mich in ziemlich gefährliche Situationen begeben, aber wirklich nie „einfach nur so“, nach dem Motto „Ich spring da jetzt runter, mal sehen was passiert!“ (lacht) Ich war da schon immer ziemlich nüchtern und vernünftig. Und seit dem Unfall bin ich sogar noch strenger mit meinen Entscheidungen. Wenn ich jetzt eine Abfahrt oder einen Hang sehe, versuche ich, mir immer den schlimmsten Fall vorzustellen. Und dann versuche ich die Lösung für dieses Szenario zu sehen. So gehe ich heute wirklich an alles heran: Wenn ich eine mögliche Gefahr sehe, der ich nicht entkommen könnte, wenn sie einträte – dann mache ich’s eben einfach nicht.

Der Tag des Unfalls war auch ein schöner Tag!

Genau. Es war ein perfekter Tag, wir haben den ganzen Morgen perfekte Runs gemacht, alle wurden vielleicht ein bisschen zu happy und zu sorglos - und dann wachte der Berg auf und erteilte uns eine gute Lektion.