Sie sind berufsbedingt viel in Europa unterwegs. Zuletzt standen Sie mehrere Monate vor der Kamera für Ihre neue Sendereihe „DIE EUROPA-SAGA“. Können Sie unseren Lesern kurz schildern, worum es in Ihrem neuen Projekt geht?

Ich habe den Eindruck, dass das Bewusstsein für die Geschichte Europas als Kontinent, schwächer gebildet ist, als das Gefühl für die Geschichte der Nationalstaaten. Mit der Europa-Saga soll ein Gefühl für die Geschichte Europas vermittelt werden, aber nicht um der Vergangenheit an sich willen, sondern um die Tendenzen und Kräfte sichtbar werden zu lassen, die auch die Gegenwart noch prägen. Wir wollen die Vergangenheit in Bezug zur Gegenwart bringen und zeigen, wo diese noch aktiv ist. Genauso wichtig ist es aber auch, den Gedanken des gemeinsamen Europas zu stärken.

In Folge fünf Ihrer EUROPA SAGA geht es um die Thematik „Was eint Europa?“. Die Dreharbeiten in Großbritannien fanden zu einer politisch schwierigen Zeit statt. Inwiefern hat der BREXIT die Folge „Vereintes Europa“ beeinflusst?

Dieser spielt keine vorherrschende Rolle, da der BREXIT ein Zeitthema ist und die Europa-Saga ist so ausgelegt, dass sie über einen viel längeren Zeitraum aussagekräftig sein soll. Der BREXIT war jedoch eine wichtige Begleitmusik für die ganze Arbeit, da ich in England eine sehr antieuropäische Stimmung gefühlt habe. Das war für mich, aber auch die Freunde Europas, die in England ansässig sind, ein schlimmes Erlebnis. Dies vor Ort live mitzuerleben, hat es nicht besser gemacht – im Gegenteil.

Von Nord nach Süd – von West nach Ost. Während Ihrer Dreharbeiten sind Sie quer durch Europa gereist – ein Kontinent, der aus insgesamt 47 Ländern besteht. Wie viele davon haben Sie bereist?

Ich habe nie gezählt. Würde aber 12 bis 15 bereiste Länder schätzen. Dies war ein ungeheures Erlebnis und ich sehe dies auch als Privileg, mit einem Fernsehteam und für einen renommierten Sender, herumzureisen.

Warum?

Weil einem Möglichkeiten geboten werden, die für Privatpersonen nicht möglich sind, wie beispielsweise allein in Rom im berühmten Pantheon herumlaufen. Dies war unglaublich großartig und ein Erlebnis, dass ich nie vergessen werde.  

Welches Land hat Sie entgegen aller Stereotypen positiv „überrascht“ und beeindruckt?

Jedes Land hatte das Potenzial mich zu begeistern. Gerührt war ich von der europäischen Begeisterung der jungen Ukrainer, die ich in Kiew kennengelernt habe und davon, wie sie mit leuchtenden Augen von Europa, als Land der unbegrenzten Möglichkeiten geschwärmt haben. Es ist spannend zu sehen, was passiert, wenn man sich aus Europa herausbegibt, in einem Nachbarstaat und den Kontinent von außen betrachtet.

All die Probleme, die im Inneren so groß wirken, werden auf einmal viel kleiner. Aber auch in den Niederlanden, in Spanien, in Portugal und sogar in Griechenland, mit seiner Krise, habe ich viele, viele vor allem jungen Menschen kennengelernt, die von Europa schwärmen und es als Zukunftsland sehen. Die Europafrage ist eine Generationsfrage, denn vor allem die jungen Europäer haben einen viel engeren Bezug zu unserem Kontinent, als die älteren Generationen – das lässt für die Zukunft auf Großes hoffen. (lacht)

Sie sind geborener Australier. Woher kommt Ihre Faszination für Europa und dessen Geschichte?

Das Australien, in dem ich aufgewachsen bin, hatte kein Bewusstsein für seine über 60.000-jährige Historie. Ich hatte als Junge das Gefühl, die Geschichte Australiens ist erst ein paar Hundert Jahre alt. Aus der Situation heraus, sah ich Europa wie einen Wolkenkratzer mit Dutzenden Etagen voller Geschichte. Ich erinnere mich genau, wie es war, als ich mit 21 Jahren Europa zum ersten Mal bereiste, und vor jeder Baustelle, die ich sah stehenblieb, in das große Loch schaute und mich fragte, welche geschichtlichen Überreste dort jetzt vielleicht gefunden werden. Diese Historientiefe hat mich früh ergriffen und nie wieder losgelassen.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten in der Zeit zurückzureisen, welche Zeitepoche würden Sie sich aussuchen und warum?

Ich würde mich für eine griechische Tragödie, für ein städtisches Trauerspiel oder für Gespräche mit Friedrich II., Peter dem Großen oder Marie Curie entscheiden – lange bleiben würde ich jedoch nicht wollen. Ich sehne mich nicht danach in die Vergangenheit zu reisen – die Gegenwart ist spannend genug. Ich durchleuchte das Vergangene lieber aus dem privilegierten Hier und Heute.

Nach Ihrer intensiven Reise durch Europa haben Sie viele Facetten dieses Kontinents und seiner Bewohner kennengelernt. Was ist für Sie „typisch europäisch“?

Das gibt es nicht. Europa setzt sich aus so Vielem zusammen, dass es beinahe traurig wäre, würde es ein typisch geben, denn das würde bedeuten, dass Europa einfältig ist – und das ist es bei Weitem nicht.  Auch wenn Europa von der Größe her gar kein Kontinent ist, eher eine kleine Halbinsel am Ende Asiens – das ist die große Lebenslüge Europas (lacht) –, ist jedes Land für sich wahnsinnig schön und eine Reise wert.

Was sind Sie für ein Reisetyp?

Als meine Kinder noch klein waren, war ich der Cluburlaubtyp – Strand, Hotel, Essen. Heute bin ich eher der Städtereisetyp geworden. Ich organisiere mir eine Unterkunft und lasse mich vor Ort von der Stadt mitreißen.

ZDF/Terra X – Die Europa-Saga

Der renommierte Cambridge-Historiker vermag wie kein anderer einen unterhaltsam-kenntnisreichen Blick auf unseren Erdteil zu werfen – von innen und außen. In seinen Moderationen an den schönsten und symbolträchtigsten Orten Europas bringt er etwas Ordnung in die so verwirrend vielfältige Geschichte unseres Kontinents. In sechs Folgen beantwortet er die Fragen, Was ist Europa und was ist typisch europäisch.

Die zweiteilige Doku mit Sir Christopher Clark ist als DVD und Bluray im ZDF-Online-Shop ab dem 26.01.2018 erhältlich (kann bereits schon vorbestellt werden).