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Vom Rennradprofi zum Alltag: Rick Zabel heute

Fotos: Felix Goergens

Rick ist ehemaliger Rennradprofi – heute Influencer, Podcaster & YouTuber. Er gibt Einblicke in sein Leben als Profi im Peloton und erklärt, wie er heute abseits des Rennsports lebt.

13 Jahre Profi, die härtesten Rennen der Welt. War das Rad immer deine Leidenschaft oder irgendwann auch Last?

Für mich ist das Rad 97 Prozent Leidenschaft, 3 Prozent Last. Ich war 13 Jahre lang Profi und davon haben mir die ersten zehn bis elf Jahre definitiv Spaß gemacht. In den letzten zwei bis drei Jahre war natürlich auch mal Last dabei. Man muss sich diesen ständigen Trainingsaufwand einmal vorstellen: Man fährt als Radsportprofi 30.000 bis 35.000 Kilometer im Jahr. Über das Jahr hinweg ergeben sich durchschnittlich etwa drei Stunden Training am Tag. Das hört sich für manche vielleicht gar nicht mal nach so viel an: Drei Stunden Sport pro Tag, wenn man nichts Anderes zu tun hat. Aber das bedeutet natürlich auch, neben Reisetagen und Ruhetagen, an denen man gar nicht trainiert oder nur eine Stunde, dass viele Tage eben auch aus fünf bis sechs Stunden Training bestehen.

Dazu kommt, dass nicht jeder Tag Sonnenschein und tolle Temperaturen bietet, man muss sich zum Beispiel im Winter in Deutschland auch oft dem schlechten Wetter aussetzen. Wie in jedem Job gibt es auch mal Tage, an denen man keine Lust hat. Also, Last war zwar dabei, aber zum Glück wirklich nur relativ wenig, weil ich es geschafft habe, mein Hobby zum Beruf zu machen. Ich habe es geliebt, deswegen war es für mich eine sehr coole Sache.

Was war der Moment in deiner Karriere, den du nie vergessen wirst?

Mein stolzester Moment: Die erste Tour de France 2017, die 21. Etappe mit der Zielankunft in Paris. Im zarten Alter von 23 Jahren zum ersten Mal für die Tour de France nominiert worden zu sein, war ein Riesenerfolg. Dann der Start in Düsseldorf – als Deutscher natürlich besonders cool, wenn die Tour in Deutschland startet. Ich hatte während der Rundfahrt auch ein bisschen Verletzungspech, habe mich aber bis Paris durchgeschleppt.

Gerade mit meiner Familiengeschichte war das sehr besonders für mich: Ich war als kleines Kind sechsmal als Plus eins mit meinem Papa auf dem Podium und kenne die Etappe in Paris in- und auswendig. Früher habe ich dort mit meinem Papa mitgefiebert, wenn er versucht hat, die Sprints auf der Champs-Élysées zu gewinnen. Zehn oder zwölf Jahre später rolle ich selbst in diesem Feld dahin und habe es geschafft, die Tour de France zu Ende zu fahren. Das war für mich ein echter Full-Circle-Moment: „Vom zuschauenden Kind zum Profi, der jetzt selbst dabei ist und die Tour finisht“. Es war ein unglaublich emotionaler und cooler Tag für mich.

Ich habe mir die Leidenschaft und den Spaß am Sport bewahrt. Ich fahre jetzt ohne Leistungsdruck und achte nicht mehr auf die Zahlen.

Heute fährst du ohne Leistungsdruck. Was macht Radfahren jetzt für dich aus, was es als Profi nicht gab?

Es ist nicht mehr mein Beruf, ich habe keinen Trainingsplan mehr und fahre nur noch aus Lust und Laune. Es gibt auch Tage, an denen ich sage: „Heute fahre ich mal wieder“, und im Verlauf des Tages merke ich, dass ich doch nicht will. Dann lasse ich es auch einfach sein – ganz ohne schlechtes Gewissen. Das ist für mich die größte Errungenschaft: Ich habe es geschafft, früh genug aufzuhören, um mir mein Hobby nicht zu versauen. Ich kenne auch andere Ex-Profis, die nach ihrer Karriere gar kein Rad mehr fahren können. Das ist bei mir zum Glück nicht so – ich hasse es nicht, weil ich es nicht übertrieben habe. Ich habe mir die Leidenschaft und den Spaß am Sport bewahrt. Ich fahre jetzt ohne Leistungsdruck und achte nicht mehr auf die Zahlen. Wenn ich fahre, ist mir völlig egal, was mein Fahrradcomputer anzeigt, ob ich 30, 31 oder 28 km/h fahre.

Natürlich kommt manchmal noch der Ex-Profi in mir raus: Man will sich batteln, hat Ziele und möchte etwas erreichen. Ich werde nie wieder nach Trainingsplan trainieren und nie wieder Intervalle schrubben, weil ich es muss. Ich fahre einen Berg nur schnell hoch oder sprinte mit meinen Freunden um ein Ortsschild, weil ich es in dem Moment will. Das ist eine große Befreiung von diesem Zahlendruck: Stunden, Wattwerte, Geschwindigkeit, Durchschnitts-km/h – von all dem Bumms habe ich mich befreit.

Rennrad, Gravel, E-Bike. Was fährst du heute am liebsten und welches Rad empfiehlst du jemandem, der gerade neu einsteigt?

Bei jeder Marke gibt es Einsteigermodelle. Gravel hat natürlich den Vorteil, dass man mit einem Rad beides machen kann. Wenn man sich zum Beispiel den Luxus leisten kann, zwei Laufradsätze zu besitzen – die meisten sagen zwar Reifen dazu, aber Reifen sind ja eigentlich nur das, was auf den Laufrädern drauf ist – also einmal einen Laufradsatz für Offroad, Wald und Schotterpisten und einen für Rennräder, dann kann man mit einem Gravel-Bike beides nutzen.

Ich persönlich fahre gerne Rennrad, aber auch das E-Bike hat seine Berechtigung, um zum Beispiel Leistungsunterschiede zu überbrücken. Menschen sind ja nun mal individuell. Man hat ein unterschiedliches Gewicht, eine unterschiedliche Größe, ein unterschiedliches Geschlecht und auch ein unterschiedliches Alter. Dafür sind E-Bikes total gut, weil sie es ermöglichen, gemeinsam in einem Tempo zu fahren. Deswegen meine Empfehlung: Wenn man denkt, man sei nicht stark oder fit genug, mit einem E-Bike anzufangen.

Ansonsten hängt die Entscheidung zwischen Gravel-Bike und Rennrad davon ab, worauf man Lust hat und wo man wohnt. Kann ich viel im Wald fahren? Fahre ich eher auf Radwegen in der Umgebung? Gibt es vielleicht einen See in der Nähe, um den man gut fahren kann? Das wären für mich die entscheidenden Überlegungen. Es muss auch nicht direkt das Top-Modell für mehrere tausend Euro sein. Fangt erst mal mit den Einsteigermodellen an und testet, ob das wirklich euer Sport ist. Radsport kann eine sehr kostspielige Sportart sein, in die man viel Geld investieren kann, aber das muss gerade am Anfang überhaupt nicht sein. Es geht ja erst mal um Spaß und nicht um den Performance-Gedanken. Wenn man merkt, dass man Bock auf mehr bekommt, kann man beim Material später immer noch ein Upgrade machen.

Ich persönlich fahre gerne Rennrad, aber auch das E-Bike hat seine Berechtigung, um zum Beispiel Leistungsunterschiede zu überbrücken. Menschen sind ja nun mal individuell.

Hast du einen Geheimtipp für Raddestinationen, sowohl für Einsteiger als auch für ambitionierte Fahrer?

Ich bin schon an vielen Orten auf der Welt Rad gefahren und Mallorca ist wirklich schwer zu schlagen. Leider ist es inzwischen sehr überlaufen, doch hat die Insel noch einige Vorteile: Mallorca ist aus Deutschland super easy erreichbar, die Airlines und die Leute vor Ort sind auch darauf eingestellt, Fahrräder mitzunehmen und damit ordentlich umzugehen. Gerade im Frühjahr und im Herbst ist die Insel mit ihren asphaltierten Straßen total auf Radfahrer ausgelegt und eignet sich für jedes Leistungsniveau. Man kann sich richtig viele Höhenmeter reinknallen oder auch einfach flach fahren, was natürlich deutlich entspannter ist. Das Radwegenetz ist super. Ich würde dazu raten, ein bisschen antizyklisch zu reisen, wenn man sich das zeitlich leisten kann – also nicht unbedingt zu den absoluten Stoßzeiten zu fahren. Für mich ist der Herbst auf Mallorca ein echter Geheimtipp, also vor allem Oktober und November. Da ist das Wetter oft noch richtig schön, aber es ist nicht mehr so viel los, weil die Saison gerade vorbei ist, beziehungsweise abklingt. Dann macht das Radfahren dort besonders Spaß, sowohl für Einsteiger als auch für Profis.

Weitere Tipps: Südtirol ist landschaftlich einfach wunderschön mit den Bergen, man muss nur schon ziemlich fit dafür sein. Ansonsten kann man auch in Deutschland sehr schön Radfahren, gerade an der Ostsee oder auch das Sauerland kann ich sehr empfehlen. Dort ist nicht so viel Verkehr. In der Gegend bin ich ja auch groß geworden. Ich glaube schon, dass Deutschland insgesamt ein schönes Land zum Radfahren ist, je nachdem wo man wohnt. Sicherlich auch Bayern und die ganzen Regionen dort.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade Lust bekommt, mit dem Radfahren anzufangen?

Einfach machen, ausprobieren und wagen. Mittlerweile muss ich sagen: Beim Radsport frage ich mich wirklich, wann der Hype eigentlich mal aufhört, aber es wird ja immer und immer mehr. Egal, wo ihr wohnt, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit Radvereine und Communitys in eurer Nähe geben. Gerade in größeren Städten wie Köln, München, Hamburg, Berlin oder Stuttgart gibt es überall Radsportcafés und Radsportcommunitys. Die meisten freuen sich auch immer auf neue Leute, sind offen und einladend. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, bei denen es eher elitär zugeht. Davon würde ich mich einfach fernhalten und stattdessen die offenen Communitys suchen. Holt euch außerdem Apps wie Strava und Komoot. Schaut euch an, welche Strecken häufig gefahren werden, und testet die einfach mal aus. Nutzt auch Social Media, um euch mit anderen zu connecten. Und ganz wichtig: Safety first – fahrt erst mal auf dem Radweg.

Mit „Ulle & Rick“ habt ihr einen erfolgreichen Podcast gestartet. Was macht aus euch so ein gutes Team?

Uns vereint, dass wir beide Radprofis mit unfassbar viel Erfahrung sind, doch wir kommen aus verschiedenen Generationen und haben unterschiedliche Persönlichkeiten. Ulle hat ein goldenes Herz und ist ein liebevoller, cooler Typ. Ich bin immer für jeden Spaß zu haben. Ich glaube, genau diese Kombination macht es am Ende aus. Ulle ist der einzige Deutsche, der jemals die Tour de France gewonnen hat. Dadurch kann er sich gerade bei den großen Rundfahrten natürlich noch einmal anders und stärker in die Favoriten hineinversetzen. Er ist diese Rennen schließlich alle selbst gefahren.

Ich hatte auch eine lange Karriere, aber bei der Tour war ich meistens eher im Besenwagen zu finden und nicht im gelben Trikot so wie Ulle. Daher würde ich sagen, dass genau dieser Mix gut funktioniert: Ich war lange dabei, liebe den Sport über alles und bin auch heute noch nah dran. Und wir beide haben einfach gute Connections in jeweils unterschiedliche Richtungen.

Tour de France, 4. Juli. Was fasziniert dich an diesem Rennen nach wie vor?

Das ist die Tour de France für mich: wie die Fahrer die Berge hoch- und runterrasen, die Massensprints voller Adrenalin am Ende einer Etappe, die Frage, wer gewinnt, die Schockmomente von Stürzen, aber gleichzeitig auch die Geschichten von Außenseitersiegen. Die Tour schreibt jeden Tag aufs Neue Geschichte und drei Wochen lang herrscht im Radsport Ausnahmezustand – genau das fasziniert mich daran und macht die Tour so besonders.

Ich liebe die Etappen, ich liebe diesen Sport und ich liebe es, den Kampf um die Etappensiege, um das grüne und gelbe Trikot sowie um die Gesamtwertung zu verfolgen und dabei zu sein. Für die meisten Menschen läuft die Tour de France wahrscheinlich einfach nebenbei: Während man einen Sommertag verbringt, läuft im Hintergrund die Tour auf dem Fernseher. Und genau das macht es irgendwie auch aus für mich: Diese mediale Aufmerksamkeit ist besonders. Die Leute interessiert die Tour doch extrem und deutlich stärker als die anderen Rennen. Die Tour ist einfach mit Abstand das Größte. Das ist unser Olympia, unser Wimbledon, das ist die Tour de France im Radsport. Und irgendwie weiterhin nah dran zu sein, jetzt eben in einer medialen Rolle als Experte, macht mir unglaublich viel Spaß. Gerade auf deutschem Boden diesen Sport zu vermitteln und dieses Gefühl weiterzutragen, bedeutet mir viel.

Neugierig geworden?

Weitere Informationen und Einblicke gibt es auf www.rickzabel.de und auf Instagram: @rickzabel

Ihr wollt Ulle & Rick Live erleben?

Im November und Dezember gehen die beiden auf Live-Podcast-Tour.

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