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Auf dem Tiger um die Welt

Reisen Motorrad,
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Nicki und Moe sind zwei Vollzeitreisende. Heute auf den Tag genau sind sie 470 Tage auf ihrem Tiger (Triumph Tiger T709) und zu Fuß unterwegs. Fotos: MoppedHiker

Sie haben nicht lange gefackelt, um durchzustarten: Studium beendet, Jobs gekündigt, Wohnung und sämtlichen Besitz aufgegeben, Sachen gepackt und los. Raus in ein neues Leben! Wie sich die beiden vorbereitet haben und was die Zwischenerkenntnis aus der Reise ist, haben die Freiheitssuchenden im Interview berichtet.

War es gleich zu Beginn die Freiheitssuche, die euch verband?

Nicki: Wir beide hatten schon vorher den Traum, die Welt zu entdecken. Gemeinsam haben wir dann oft in unseren kleinen Studentenbuden zusammengesessen und sind mit dem Finger über die Weltkarte gewandert. Dass es letztendlich eine Reise mit dem Motorrad wird, stand zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht fest. Wir wussten nur, dass wir zuerst nach Südamerika wollen, denn wir beide kannten diesen Kontinent noch gar nicht. Ich hatte schon an der Uni angefangen, Spanisch zu lernen. Irgendwann entdeckten wir einen Motorradreise-Podcast im Internet. Die inspirierenden Geschichten der Abenteurer haben uns so sehr gepackt, dass wir schließlich auch einen Versuch gewagt haben: Völlig ohne Plan oder passendem Equipment sind wir auf einer kleinen Kawasaki ER zu einer einmonatigen Reise in Richtung Osten aufgebrochen. Danach waren wir uns sicher: Wenn wir auf Weltreise gehen, dann muss es mit dem Motorrad sein.

Wie leicht fiel euch die Entscheidung, euer gewohntes Leben hinter euch zu lassen?

Nicki: Sehr leicht. Wir haben lange Zeit auf den Abschluss unseres Studiums und den lang ersehnten Aufbruch in die Welt hingefiebert. Noch sind wir jung und haben keine Verpflichtungen, wie sie vielleicht andere haben. Unsere Familien haben sich von Anfang an sehr für uns gefreut und unterstützen uns bis heute voll und ganz. Dafür sind wir sehr dankbar.

Was war der amateurhafteste „Fehler“ bei euren Vorbereitungen, und was ratet ihr potenziellen Nachahmern?

Moe: Ich hätte die Krankenkasse wechseln sollen, bevor ich mir die ganzen Reiseimpfungen abgeholt habe, das hätte mir eine Menge Geld gespart. Ansonsten fällt mir kein großer Fehler ein. Mein Rat ist, sich nicht zu sehr in Planungen und Vorbereitungen zu verlieren. Vieles habe ich mir viel komplizierter vorgestellt, als es tatsächlich ist. Papierkram, Grenzübergänge und so weiter. Der schwierigste Schritt ist das Loskommen, danach ergibt sich schon alles irgendwie.

Wie habt ihr euch für eure Ausrüstung entschieden? Habt ihr alles vorher selbst getestet oder habt ihr auf Testberichte vertraut?

Moe: Das war ganz unterschiedlich und eine Mischung aus allem. Wir haben ja schon erste Erfahrungen auf unserer Reise in den Osten gemacht. Damals haben wir einfach einen großen Wanderrucksack quer auf den Gepäckträger geschnallt und sind losgefahren. Das hat zwar auch irgendwie geklappt, war aber umständlich und unbequem. Danach wussten wir: Ein ordentliches Gepäcksystem ist ein Muss. Zusätzlich standen wir schon früh in persönlichem Kontakt zu anderen (Motorrad-)Reisenden, der Austausch mit anderen ist unglaublich hilfreich. Aber wir haben auch nächtelang vor dem Computerbildschirm gesessen und verschiedenste Produkte miteinander verglichen und in Testberichten gestöbert.

Eine Reise zu zweit auf einem Motorrad ist ja erst einmal ungewohnt: Wie lange hat es gedauert, bis ihr euch aufeinander eingependelt habt?

Nicki: Es war zum Glück ja nicht die erste Reise zu zweit auf einem Motorrad. Daher wussten wir ungefähr, worauf wir uns einlassen. Trotzdem braucht es am Anfang etwas Eingewöhnung. Mit der Zeit wird man dann immer schneller darin, das Gepäck ein- und auszupacken. Bei uns haben sich auch gewisse Aufgabenverteilungen entwickelt. So ist Moe beispielsweise immer dafür zuständig, das Zelt aufzubauen, während ich schon anfange, das Feuer zu starten. Natürlich gibt es auch Momente, in denen wir lieber auf zwei Motorrädern unterwegs wären. Besonders auf schlechten Straßen wäre es einfacher, wenn wir unser Gepäck auf zwei Motorräder verteilen könnten. Finanziell ist ein zweites Motorrad jedoch einfach nicht drin gewesen. Anstatt noch länger zu sparen, wollten wir damals endlich aufbrechen. Deshalb bereuen wir unsere Entscheidung nicht. Und wer weiß – vielleicht ist eines Tages auch noch ein zweites Motorrad drin. Wir arbeiten daran.

Plant ihr jeden Tag durch oder sprecht ihr euch immer spontan ab?

Moe: Wir sind bewusst planlos unterwegs. Vieles entscheidet sich sehr spontan. Wenn wir alles durchplanen würden, könnten wir uns viel schlechter auf das Erlebte einstellen. Häufig wissen wir morgens noch nicht, wo wir abends übernachten werden. Wenn uns ein Ort gut gefällt, bleiben wir stehen und machen Pausen. Häufig lernt man neue Menschen kennen und verbringt Zeit mit ihnen, das kann man nicht planen.

Wie plant ihr eure Routen?

Moe: Zur Routenplanung verwenden wir vor allem das Smartphone, da gibt es sehr nützliche Anwendungen. Ab und zu darf es auch mal die gute alte Papierkarte sein. Da haben wir jedoch nun öfters die Erfahrung machen dürfen, dass die Informationen selbst in aktuellen Karten leider ziemlich veraltet sind.

Was hat sich durch die Reise für euch geändert?

Nicki: So eine Reise verändert viel. Erstens kann eine Reise das Bild von einem Land mitsamt allen Vorurteilen, die man darüber hat, komplett auf den Kopf stellen. Das ist eine ganz wunderbare Sache. Sich selbst vor Ort umzuschauen und mit den Menschen zu sprechen, kann einem oft die Augen öffnen. Ein bisschen Aufklärung über Ungerechtigkeit und globale Zusammenhänge zu leisten, sehen wir in gewisser Weise auch als unsere Verpflichtung. Als Zweites wäre die große Veränderung unserer eigenen Ansprüche zu nennen. Das Reisen mit kleinem Budget und der begrenzte Platz für Gepäck auf dem Motorrad gehen mit einem großen Verzicht auf Komfort und Luxus einher. Doch das minimalistische Reisen schärft den Blick für die wirklich wertvollen, kleinen Dinge des Lebens. So bin ich beispielsweise der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich nach einem anstrengenden Tag unter einer heißen Dusche stehen kann. Sicherlich hat sich auch die innere Einstellung bei mir geändert. Wir haben viel Hilfsbereitschaft erfahren und auch in scheinbar ausweglosen Situationen immer eine Lösung gefunden. Ich bin daher in schwierigen Momenten viel gelassener geworden, weil ich weiß, dass es immer irgendwie weitergeht. Zudem haben wir auf unserem Weg viele interessante Menschen getroffen und die unterschiedlichsten Lebensmodelle kennengelernt. Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei. Wir machen uns sehr häufig Gedanken darüber, wie und wo wir uns selbst später einmal niederlassen und unser Leben gestalten möchten. Bis dahin wollen wir uns jedoch noch ganz viel Zeit zum Reisen nehmen.

Hat die Reise euren beruflichen Fokus für die Zukunft geändert?

Moe: Ich habe Lehramt studiert und kann mir immer noch gut vorstellen, in ferner Zukunft als Lehrer zu arbeiten. Ich glaube, dass das Reisen für diesen Beruf eine große Bereicherung sein kann. In meiner eigenen Zeit als Schüler habe ich auch am meisten von den Lehrern mitgenommen, die mehr von der Welt gesehen haben als ihre eigene Schule und die Uni.
Nicki: Auch ich kann mir vorstellen, im Berufsfeld meines Studiums, sprich der Entwicklungszusammenarbeit, später wieder anzufangen. Hier bin ich stark der Meinung, dass die Reise eine ganz wichtige Erfahrung darstellt, die besonders in diesem Berufsfeld unglaublich wertvoll ist. Von einer „Lücke im Lebenslauf“ kann also keine Rede sein, zumal wir ja nun auch von unterwegs arbeiten.

Was ist der beste Rat, den ihr unseren Lesern heute geben könnt?

Nicki: Nicht alles vorher zu planen, um sich die Spontanität zu bewahren, die das Reisen so wertvoll macht. Es geht nicht um das Abhaken von Sehenswürdigkeiten. Viel wichtiger ist es, sich genug Zeit zu nehmen, um sich vor Ort auch mal treiben zu lassen. Unerwartete Begegnungen, spontane Einladungen oder alternative Pfade waren bisher die besten Erfahrungen unserer Reise. Sich immer wieder auf diese überraschenden Optionen einzulassen – das ist die Kunst des Reisens und im Nachhinein einfach unbezahlbar.
Moe: Mein Rat an alle, die davon träumen, länger zu verreisen, ist, loszufahren (oder zu gehen) und es einfach mal auszuprobieren. Es muss auch nicht immer die weite Ferne sein. In Deutschland und den Ländern drumherum gibt es so viel zu entdecken.

Information

Verfolgen Sie die Reise auch weiterhin mit unter www.moppedhiker.de

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