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Herbst und Winter

„Ein Gefühl wie auf Wolken“

Fotos: Roman Knopf

Matthias Haunholder ist Freeride-Pionier, Abenteurer, Filmemacher, Coach und Speaker. Gemeinsam mit seinem Freeride-Partner Matthias Mayr erkundet er Orte, an denen vor ihnen noch kein Mensch der Welt auf Skiern gewesen ist. Die faszinierende Schönheit der meist sehr unwirtlichen Landschaft hält er mit einzigartigen Filmaufnahmen und Fotografien fest. Wie bereitet er sich auf seine Touren vor und was treibt ihn an?

Matthias Haunholder

Freeride-Pionier

Matthias, was ist der Unterschied zwischen normalem Skifahren und Freeriding?

Beim Freeriding ist man statt auf präparierten, gesicherten Pisten im offenen Gelände unterwegs, auf breiteren Skiern. Man hat im Tiefschnee, der durchaus Hüfthöhe erreichen kann, ganz andere Bedingungen und ein anderes Fahrgefühl. Das Freiheitsgefühl mitten im Gebirge, weit weg von der Zivilisation, ist unbeschreiblich, ein Abenteuer. Das Fahren fühlt sich fast wie Schweben oder Gleiten an. Im Tiefschnee ist im Gegensatz zur harten Piste sehr viel Luft, man fährt wie auf Wolken.

Wann hast du gemerkt, dass dir normales Skifahren nicht „genug“ ist?

Wir waren schon als Kinder abenteuerlustig, sind durch den Wald gefahren und haben neben der Piste das Abenteuer gesucht. Irgendwann gab es eine neue Art von Skiern, der Trend kam aus Amerika über Frankreich und Skandinavien zu uns. Mit diesen war es leichter, auch im Gelände im Tiefschnee zu fahren, das wollte ich unbedingt ausprobieren. Ich bekam das Angebot des Herstellers Atomic, mit in sein Freeride Team zu kommen, und machte dann meine Leidenschaft zum Beruf. Neben den Wettkämpfen begann ich, Filme zu produzieren. Ich bereiste die ganze Welt und die unwirtlichsten Orte, um sie auf Skiern zu erforschen.

Du warst auch auf Skiern in der Antarktis – warum dort?

Den kältesten bewohnten Ort der Welt in Sibirien hatten wir bereits mit unserem Team erkundet, wir wollten dann an den kältesten Ort insgesamt. Bereits die Planung war eine Herausforderung, überhaupt die Erlaubnis zu bekommen, dort hinzufahren. Aber je schwieriger es war, desto größer wurde unsere Motivation. Die Antarktis war sensationell. Wir waren im arktischen Sommer dort, mit 24 Stunden Licht. Es gab Schneestürme, wir haben uns mit Kites fortbewegt.

Was waren bisher deine aufregendsten Abenteuer? Gib‘ uns deine Top 3.

Zum einen unsere erste große Expedition, 2015, die sehr prägend für uns als Team war und die Weichen für spätere Expeditionen stellte. Wir haben viel erlebt, es gab auch brenzlige Situationen. Wir waren damals zwischen Kamtschatka und Hokkaido auf einer unbewohnten Insel. Dort gab es einen großen Kratersee, mit einem Umfang von 23 Kilometern, und inmitten dieses Sees war ein Vulkan mit 1.000 Höhenmetern, den wir mit unseren Skiern befahren wollten. Schon der Ort, am Ende der Welt, an den Ausläufern der Beringsee, hat uns sehr gereizt. Um unser Ziel zu erreichen, mussten wir von einem Schiff regelrecht ausgesetzt werden. Das zweite Highlight war Sibirien. Wir waren in der Nähe des kältesten noch bewohnten Ortes der Welt. Dort kamen wir mit Nomaden in Kontakt, die uns bei der Logistik unterstützten. Eine Weile mit den Nomaden zu leben, die fast nichts besitzen, aber sehr fröhliche, zufriedene Menschen sind, war eine sehr intensive Zeit, in der ich viel gelernt habe. Dann die Arktis. Auf der letzten Landmasse zu sein, die nördlichste Skiabfahrt zu machen, immer auch von Gefahren wie Eisbären umgeben … Wir haben uns einen Husky von einer Inuit-Frau ausgeliehen, der uns mehrere Wochen begleitet hat. Diese Hunde schlagen an, wenn sich Eisbären nähern, sie schrecken ggf. auch die Bären ab. Dass die Frau uns einen ihrer Schlittenhunde zur Verfügung gestellt hat, war alles andere als selbstverständlich.

Wie wählst du deine Touren aus? 

Wir sehen uns auf Google Earth an, wo interessante Landschaften sind, möglichst weit weg von der Zivilisation. Wichtig für uns ist auch, zu den Menschen, die dort wohnen, Zugang bekommen zu können. 

Wie bereitest du dich auf extreme Touren vor? 

Wir bereiten uns über viele Monate akribisch vor und trainieren die verschiedensten Szenarien. Man muss möglichst in jeder Situation richtig reagieren, handlungsfähig bleiben, darf nicht in Panik kommen. Zudem muss man sich im Notfall, so weit es geht, selbst helfen können. Ski kiten haben wir extra für die Antarktis in Tarifa gelernt und dann auf Gletschern immer wieder geübt, damit wir es für die Expedition beherrschen. Auch Sicherheitstraining ist wichtig. Man kann unterwegs in eine Gletscherspalte stürzen und muss ggf. eigenständig eine Seilbergung machen. Oder was passiert, wenn sich eins der Teammitglieder verletzt? Diese Situationen spielen wir durch. Auch die körperliche und die mentale Kondition sind sehr, sehr wichtig. 

Aus wem besteht dein Team?  

Unser Team ist so klein wie möglich, da jede zusätzliche Person immer auch eine zusätzliche Gefahr bedeuten kann. Bis dato waren wir nie mehr als fünf – zwei Kameraleute, ein Fotograf, Matthias Mayr und ich. Wir sind sehr eingespielt und kennen uns als Team viele Jahre. Jeder hat seine bestimmte Kompetenz und übernimmt je nach Situation jeweils den Lead.

Wo gehst du am liebsten Skifahren? Welche sind die schönsten Orte, die du bisher gesehen hast?

Alaska war sicher eins meiner skifahrerischen Highlights, dort gibt es fantastischen Schnee. Japan war ebenfalls sehr besonders. Aber auch ein guter Winter in den Alpen ist wunderbar. Ich bin dann sehr viel hier bei uns in den Skigebieten unterwegs, verbinde das Skifahren auch mit Skitourengehen. Man muss nicht unbedingt weit reisen, um sehr gut Ski fahren zu können. In den Alpen gibt es so viele großartige Orte, dass es mir sehr schwerfällt, einzelne zu benennen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Nachdem ich schon fast alle Kontinente auf Skiern erforscht habe, fehlt noch Afrika, das ist die nächste Herausforderung. Wir werden ins Atlasgebirge nach Marokko gehen, auf 4.000 Meter Höhe, in unbefahrene Gebiete. Diese Expedition realisieren wir mit E-Mobilität, um unseren CO2-Fußabdruck hier so klein wie möglich zu halten. Wir starten im Februar/März 2023.

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Das Kopfsteinpflaster löste die Schrauben aus dem Rad

Das Thema Bikepacking ist eigentlich ganz simpel. Schnapp dir dein Rad, bepacke es mit dem, was du brauchst, möglichst spartanisch, um Gewicht und Platz zu sparen, und radel los.

Paul Schridde

Meine Reise begann 2020 zusammen mit meinen Freunden Felix und Fritz direkt am Brandenburger Tor in Berlin. Wir wollten in elf Tagen 1.500 Kilometer fahren. Bis zur Hauptstadt von Estland Tallinn. (Der Rückflug war bereits gebucht.)

Wenn mich jemand fragt, wie man sich am besten auf so eine Tour vorbereiten kann, habe ich darauf eigentlich immer die gleiche Antwort: Pack deine Sachen und los geht’s. Ich bin kein Typ, der alles perfekt durchstrukturiert haben muss. Es muss auch nicht von allem das Beste sein. 2018 bin ich nur mit Felix das erste Mal auf großer Radreise gewesen. Damals entschieden wir uns, spontan mit unseren Mountainbikes von Berlin nach Rom (Italien) zu fahren. Am vierten Tag brach meine erste Zeltstange und am letzten Tag musste ich im Regen draußen schlafen, da mein Zelt sich nicht mehr aufbauen ließ. Und das war ein teures Zelt. Was ich damit sagen will: Wenn du Lust auf so eine Tour hast, aber keine 5.000 Euro für eine neue Ausrüstung, macht das nichts. Nimm, was du hast, oder kauf dir ein paar Dinge gebraucht.

Denn nach Plan läuft es am Ende sowieso nicht. Bei unserer Tour von Berlin über Polen, an der weißrussischen Grenze entlang, einmal quer durch Litauen und Lettland kamen wir sehr knapp nach zehneinhalb Tagen in Tallinn (Estland) an. Das Schlimmste war das Kopfsteinpflaster in Polen. Zusätzlich regnete es auch noch gleich am ersten Abend. Und Regen bringt Mücken hervor. Eine Menge Mücken. Unsere erste Nacht verbrachten wir notdürftig in einem kleinen, angeblich vollen Motel kurz hinter der polnischen Grenze auf dem Hinterhof. Neben einem Speichenbruch mitten im Nichts von Litauen und zwei weiteren Platten gab es aber auch wunderbare, schwedisch anmutende Wälder mit ewigen Schotterpisten, bei denen sich unsere Gravelbikes perfekt auszahlten. Highlight Schlafplatz. Eine Nacht im Parkhaus.

Da, wo sonst die Autos parken. Morgens wurde dort um sechs ein Flohmarkt aufgebaut. Übrigens eignet sich Luftpolsterfolie fantastisch, um ein Rad in den Flieger zu bekommen. Nur das Luft-aus-den-Reifen-Lassen nicht vergessen. 

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